Meinungen, Standpunkte

Warum noch eine Kolumne, reicht ein Blog nicht aus?

Nein finde ich, Blog-Einträge können witzig, ironisch und auch informativ sein, aber die Texte sind oft (nur) kurze Reaktionen auf das was passiert oder zum Teil auch (nur) Hinweise auf etwas was genau an diesem Tag passiert ist. In Kolumnen dagegen passiert mehr. Andrea Paluch hat es einmal passend gesagt: "Eine Kolumne ... folgt einem Gedanken auf seinen Wegen und Umwegen, aber immer in der Bescheidenheit, das der Eintrag keine Nachricht ist. Zu einer Kolumne passt ganz gut eine warme Tasse in der Hand und vielleicht der Geruch von Brötchen". Dem kann ich mich nur anschließen.


„Kunst und Entwicklungshilfe – Kunstgenuss mit schlechtem Gewissen?“

Ein Standpunkt von 

Michael Klotzki

Was bedeutet es, sich mit der Welt zu beschäftigen? Was birgt die Erfahrung eines Tages in sich, wenn man engagiert in die Welt schaut? 

Engagement wird allgemein als persönlicher Einsatz aus weltanschaulicher Verbundenheit erklärt. Der Duden setzt noch das Gefühl des Verpflichtetseins als Bedeutung hinzu.

Welche Bedeutung hat es nun für uns. Findet die Beschäftigung nur im Kreis eigener Bedürfniserfüllung statt - oder ist da mehr? Auch innerhalb der Kunst stellt sich diese Frage. Festzustellen ist, dass das Thema „Engagement“ in vielfältigen Facetten oft im Kunstschaffen verankert ist. Sei es als „Spürhund“ von Not, Irritationen und Ungerechtigkeiten oder auch als Brennpunkt von aktuell herrschenden Realitäten.

Hier folgt unvermeidlich die Anschlussfrage: Folgt die Kunst nur einem Bildungsauftrag oder entfaltet das künstlerische Schaffen auch die Urgewalt eines inhaltlichen Wandels? Viele Künstler, denen ich in der letzten Zeit begegnet bin, öffnen ihre Kunst auch immer mehr konkreten Entwicklungsprojekten.

In der Entwicklungshilfe ist als Leuchtturm aus Deutschland mittlerweile u.a. der junge Künstler Leon Löwentraut zu nennen. Wie er selbst auf seiner Facebook Seite schreibt, unterstützt er aktuell die UNESCO bis voraussichtlich zum Jahr 2030, in dem er 17 Global Goals / nachhaltigen Entwicklungszielen der UN und Weltgemeinschaft künstlerisch interpretiert und auch Vorort tätig wird (z. B. im Senegal).

Viele weitere Beispiele sind mit Sicherheit zu nennen und ihnen auch in ihrem Umfeld bekannt. Ich möchte hier auf den Verein afemdi e.V. aufmerksam machen, der aus dem rheinhessischen Gabsheim heraus vielfältige Projekte fördert, auch immer im Zusammenspiel mit Kunstschaffenden aus der Region (siehe Blogeintrag „Erdbeermund“). Im März waren es sogar  zwei Projekte – wobei ich nun auch ergänzend auf das Projekt mit der Alzeyer Schulklasse der St. Marien Schule verweisen möchte.

Gemeinsam mit ihrer Klassenlehrerin, einigen Eltern und anderen Helfern haben die Kinder der Klasse 4b mit ihrer Osteraktion auf dem Alzeyer Roßmarkt insgesamt 900 Euro eingesammelt, um Kindern aus Kamerun einen Schulranzen mit Inhalt finanzieren zu können. Im Vorfeld wurde intensiv das Thema „Kinderrechte“  im Unterricht behandelt. Sie haben gelernt, welche Rechte es gibt und dass in vielen Ländern Kinder grundlegende Dinge nicht genießen dürfen. Außerdem hat die Gründerin des Afemdi-Projekts, Elke Scheiner, die Klasse in der Schule besucht - und viel Bildmaterial über die Kinder aus Kamerun und das Projekt mitgebracht. So haben die Kinder im Zuge der Aktion auch etwas über das Leben im Kamerun erfahren. An diesem Beispiel wird wieder klar, die Beschäftigung mit der Welt beginnt bereits in jungen Jahren und zieht hoffentlich immer größere Kreise. 

 

Hier möchte ich auch insbesondere auf den Künstler Renzo Martens verweisen, der zu den umstrittensten Künstler der Gegenwart gehört. Aus Kunst machte er Entwicklungshilfe. Im Jahre 2008 schuf er den Dokumentarfilm Enjoy Poverty (Episode 3), den viele skandalös fanden. Darin zeigt er sich selbst, wie er durch den kongolesischen Dschungel zieht, begleitet von Lastenträgern, die schwere Alukisten schleppen. Statt Hilfsgütern enthalten sie Neonbuchstaben, die Martens in kargen Dörfern als Installation aufbaut. Enjoy Poverty leuchtet es über den Köpfen der tanzenden Menschen. Eine Inszenierung, die auf den ersten Blick, wie es Kolija Reichert auf Zeit online schreibt, menschenverachtend wirkt.

Doch die Zeitjournalistin lenkt in ihrem Artikel die Sicht auf das Wesentliche der Kunstaktion. Denn Martens spricht in seinem Film auch mit Nachrichtenfotografen, Rebellen, Entwicklungshelfern, und es stellt sich heraus, dass die Ressource, die den armen Bewohnern des Landes geblieben ist, ihre eigene Armut ist. Von dieser Situation leben aktuell viele westliche Fotografen gut, deshalb schlüpft Martens in die Rolle des Entwicklungshelfers und gibt lokalen Hochzeitsfotografen Nachhilfe im Fotografieren hungernder Nachbarn, um ihnen den Einstieg in den lukrativeren Bildermarkt westlicher Medien zu ermöglichen. Doch für ihre unscharfen Bilder gibt es schlicht keine Nachfrage; für Martens’ Bilder hingegen schon. So ist sein Film, nach den Worten von Reichert, auch eine Selbstanklage: Er zeigt das System der Ausbeutung durch Kameras am Beispiel seiner eigenen.

Zugleich hält der Künstler auch dem Publikum in seiner anschließenden Ausstellungsreihe den Spiegel vor. Denn Enjoy Poverty meint auch all die treuherzigen Ausstellungsbesucher, die nicht genug davon bekommen, auf Ausstellungen rund um die Welt das Elend der anderen kritisch zu beäugen. Genießt, ruft Martens ihnen zu, euer gutes schlechtes Gewissen!

Kann man dann noch politisch engagierte Kunst ansehen? Als hätten Fischer im Nigerdelta etwas davon, wenn wir ihnen in hoch aufgelösten Videobildern beim Kampf gegen Ölkonzerne zusehen, mit deren Öl wir anschließend nach Hause fahren, merkt Reichert an. Ich denke ja, am Anfang einer guten Veränderung steht eine unverblümte Transparenz. Ehrlich und ungeschönt – dadurch stark im Ausdruck. Die Entwicklung der menschlichen Errungenschaften darf dann natürlich nicht stehen bleiben, oder sogar „regredieren“. Der Soziologe Harald Welzer hat es auf einer Podiumsdiskussion in Berlin einmal auf den Punkt gebracht: der technische Fortschritt in den letzten 20 Jahren war atemberaubend, der Fortschritt in sozialen und gesellschaftlichen Fragen jedoch nicht. Warum eigentlich?

Parallel zu seinen Galerieausstellungen engagierte sich der Künstler in vielen konkreten Entwicklungsprojekten, wie z. B. auch über sein - im Jahre 2012 im Kongo auf dem Gelände einer ehemaligen Plantage gegründeten - Institut für menschliche Aktivitäten (IHA) .

Kolija Reichert weist in ihrem Artikel hier auch noch auf eine weitere interessante Parallele hin, denn aus dem Kongo kamen einst die Skulpturen des Bembe-Volks in die Museen in Europa und inspirierten Picasso und die Expressionisten – während zugleich die einheimischen Künstler in Missionarsschulen und auf Plantagen geschickt wurden. Bis 2009 gehörte die Plantage der Firma Unilever, heute einer der größten Sponsoren zeitgenössischer Kunst. Geduldet vom Nachfolger, dem Feronia-Konzern, eröffnete Martens auf dem Gelände ein "Gentrifizierungscamp", um den so oft beklagten Aufwertungsprozess durch Kunst dort anzustoßen, wo er gebraucht wird.

 

Kann Kunst gefällig sein - (oder darf sie es gerade nicht sein)?

Ein Standpunkt von Uta Ella Marie Peter


Darf Kunst gefällig sein? Die Frage steht im Raum … ein weites Feld. Was ist denn eigentlich, wenn sie es nicht dürfte, aber dennoch wäre? Ist gefällige Kunst keine Kunst? Gibt es also "wahre" Kunst, die nicht gefällig sein darf und gefällige Kunst, die so tut als wäre sie Kunst, es aber eigentlich nicht ist … sogenannte ‚Fake-Kunst‘😉?

Soll die Antwort helfen "wahre Kunst" von der "Ware Kunst" zu unterscheiden? Denn das ist ja das eigentliche Problem: was ist Kunst oder anders gefragt: wer oder was bestimmt, was wann Kunst ist? Wann?... Ja, ganz wichtig, das Wann. Denn wenig ändert sich so sehr im Lauf der Zeit, wie die Bewertung von Kunst.

Aber nochmal zurück zur eigentlichen Frage: Darf Kunst gefällig sein? ‚Gefällig sein‘? Offensichtlich geht es darum, dass Kunst, besser gesagt ein Kunstwerk, gefallen soll, also mit dem Ziel des „Gefallen Sollens“ kreiert wird. Letztendlich lautet die Frage doch, darf ein Künstler  „gefällig“ arbeiten, ohne dass das Ergebnis automatisch zur Fake-Kunst degradiert wird. Seien wir ehrlich: ein Künstler, der von der Kunst leben muss, wird unweigerlich "gefallen müssen"… so einfach ist das.

Denn nur einigen Wenigen ist der Aufstieg in den Kunst-Olymp vergönnt, deren Mitgliedschaft bedeutet, dass jegliche Verrichtung per se zur Kunst erklärt wird 😊. Allen anderen bleibt nichts anderes übrig, als sich das tägliche Brot mit "Auftragskunst" im weitesten Sinn zu erarbeiten, sonst ist sie eben brotlos, die Kunst 😉. Und dennoch kann das Ergebnis von "Auftragskunst" "wahre" Kunst sein … so lehrt es zumindest die Kunstgeschichte. Viele Kunstwerke sind so entstanden und keiner bezweifelt deshalb ihren Stellenwert. Rubens – ein Meister der Vermarktung – nannte ganze Produktionswerkstätten sein Eigen, ohne dass man seinen Kunstwert in Frage stellt. Im Unterschied zum heutigen Kunstmarkt aber, standen Auftraggeber/Käufer und Künstler zumeist in direktem Kontakt, während heute Kunstmakler als Vermittler einen entscheidenden Einfluss ausüben. Der Kunstmarkt ist ein Markt, der dazu dient, allen Beteiligten und nicht zuletzt dem Makler durch ominöse Wertsteigerungen möglichst viel Geld in die Taschen zu spülen. Dass dies nicht der Maßstab für Kunst sein kann, steht außer Frage … der Preis bestimmt eben nicht die Qualität, schließt sie aber auch nicht aus! Den Rest entscheidet die Zeit … leider wenig hilfreich für den betroffenen Künstler.

 

Vielleicht noch eins zum Abschluss: Im Gefälligen möglichst authentisch bleiben - das kann hilfreich sein 😉

Utaellamarie Peter


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